Neustart...
Greta Haningberg betrat das Zimmer im Altersheim. Das Fenster stand offen. Eine Windböe riss ihr die Tür aus der Hand und schlug sie heftig zu. Vom Luftzug getragen flog ein Briefkuvert, das am Boden lag, mit der Leichtigkeit eines Lindenblattes vor ihre Füße. Noch benommen vom Donnerschlag der Tür beugte sie sich hinunter und hob es auf. Es trug keine Adresse. Auf der Rückseite stand der Name Holger, auf der Vorderseite nur ein Wort: Neustart. Sie fragte sich, von welchem Holger der Brief wohl stammte. Es gab ja einige hier im Heim. Oder war es jener, den sie vorhin zum Lift begleitet hatte? Sie schloss das Fenster, öffnete den Brief und begann zu lesen.
Neustart – oder das, was von ihm übrig blieb. Was bedeutet schon ein Neustart, wenn die Person, die du über alles liebst, nicht mehr da ist? Was fängst du mit dir an, wenn dir deine größte Liebe für immer Adieu gesagt hat? Ich denke an Neustart und denke automatisch an Herta. Wie soll ich neu anfangen, wenn ich sie nicht aus meinem Kopf bekomme? Herta war anders. Wie anders, erkannte ich erst, als sie verstarb. Nicht einmal sterben konnte sie so wie der Rest unserer Gesellschaft. Meine Herta nicht – sie suchte immer das Besondere.
Die meisten unserer Freunde gingen vor uns. Sie mussten sich um einen Neustart, wie ich ihn heute ertragen muss, keine Gedanken mehr machen. Zuletzt auch Berta, Heino, Julia und Horst. Sie waren glückliche Menschen und hinterließen niemanden mit diesem Problem des Neubeginns. Sie gingen lachend und schreiend vor Freude, als wüssten sie, was sie erwartet.
Herta organisierte eine Party im Altersheim. Sie sagte noch, ich solle sie loslassen, neu anfangen. Vielleicht verreisen und jemanden kennenlernen. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen – sie werde von oben auf mich aufpassen, damit ich keinen Unfug mache. Wie denn? Ich weiß nicht weiter. Wie soll ich da noch an Unfug denken?
Sie ließ sogar ihr Bett an die Decke hängen. Sie sagte, sie wolle sich in den Himmel schaukeln. Ja, sie liebte das Schaukeln – eine Begeisterung aus ihrer Kindheit. Als wir noch durch die Welt reisten, ließ sie sich auf jeder Schaukel in jeder Stadt fotografieren. Unsere gesamte Wohnzimmerwand war voll mit Bildern, auf denen sie glücklich in die Kamera strahlte.
Ich erfüllte ihr diesen letzten Wunsch. Manchmal frage ich mich: Wenn ich es nicht getan hätte – würde sie noch leben? Berta kletterte noch zu ihr ins Bett. Horst stieß sie an, sie kicherten wie kleine Mädchen. Niemand rechnete damit, dass die Ketten reißen würden. Herta war im schwachen Zustand, der Unterleibskrebs hatte schon viel Substanz von ihrem Körper verzehrt. Horst wollte noch helfen, aber er war auch schon an die achtzig. Das Gewicht des Bettes zog ihn mit. Und Julia hätte nicht so dicht beim Fenster stehen dürfen. Wir alle hatten an diesem Tag viel getrunken. Es kam so unerwartet.
Wir lachten noch, als das Bett abriss. Doch als es – mit Julia, Berta, Herta und Horst, der sich noch festklammerte – aus dem Fenster stürzte, verstummten wir. Heino und ich begriffen erst langsam, dass Hertas Zimmer und wir uns im achten Stockwerk befanden. Heino erlebte ihren Aufprall nicht mehr. Er schaffte es nicht einmal bis zum Fenster. Sein Herz war zu schwach.
Und ich? Mein Herz war immer stark und treu – und deshalb sitze ich hier in der schmalen Zelle und warte auf meine morgige Freilassung. Was wirft man einem achtundachtzigjährigen Mann schon vor? Die Ketten habe ich montiert, Herr Richter – zugegeben, aber nicht allein. Die restlichen Mitwirkenden verstarben mit ihrem Montagewerk acht Stockwerke tiefer. Ob das Material fehlerhaft war, wollte damals niemand mehr wissen. Gut, Berta hatte knappe zweiundneunzig Kilo, aber wir brachten sechs Kettenlängen an. Wir umwickelten Blumen darum. Herta liebte Blumen. Die Vorbereitung dauerte den ganzen Tag. Die Ketten hätten sie aushalten sollen. Aber wie sagen die Knastbrüder: Den Letzten fressen die Ratten. Und das weltliche Gericht nannte es einfach – fahrlässige Tötung.
Die Gefängniswärter lächelten, als sie mich empfingen. So wie die meisten Inhaftierten auch. Hatten sie nur Mitleid mit einem alten Mann, der womöglich hier das Zeitliche segnen würde? Manche waren Schwerverbrecher, mehrfache Mörder, Diebe, Zuhälter und Räuber, aber sie ließen mich in Ruhe. Eines Tages forderte ein junger Glatzkopf beim Essen meinen Teller mit Schweinebraten. Ich sagte noch, ich teile mit ihm, aber ganz gehe nicht. Er schlug mir ins Gesicht, ich verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Betonboden. Er brüllte auf mich ein. Alles drehte sich. Jeder Knochen schmerzte. Das Aufstehen war noch schmerzvoller.
Er baute sich vor mir auf, und ich wusste, jetzt fange ich noch eine. Plötzlich fiel mir ein Scherz von Herta ein. Den machte sie immer, wenn ich mich zu sehr ärgerte. Sie zeigte in die Luft, als würde dort ein Vogel fliegen. Als ich hinsah, trat sie mir gegen das Schienbein. Was soll's, dachte ich. Danke, Liebste. Ich habe nichts mehr zu verlieren.
Der Glatzkopf kannte den Schmäh offenbar nicht. Als er hinaufblickte, trat ich ihm in den Schritt. Der Essensraum verstummte. Alle Blicke auf uns gerichtet. Der Glatzkopf öffnete den Mund, als wolle er eine Arie anstimmen, doch er blieb stumm. Er ging ein paar Schritte auf mich zu. Ich wich zurück. Dann fiel er mir vor die Füße und rollte sich ein.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Das Monster würde ja wieder aufstehen. In einigen Gesichtern der Häftlinge sah ich ein freundliches Lächeln. Die Wärter brachten ihn weg. Sagten mir, ich solle mich hinsetzen und essen. In der darauffolgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Herta hatte Wort gehalten – sie passte von oben tatsächlich auf mich auf. Nur der Ratschlag mit dem Vogelschmäh war nicht ihr bester. Was würde ich erst am nächsten Tag von ihm erleiden?
In der Frühe kamen Rettung und erste Hilfe – zum Glück nicht in meine Zelle. Nein, sie liefen in die Zelle des Glatzkopfes. Danach sahen wir, wie er auf einer Bahre hinausgetragen wurde. Manche Insassen sprachen von Selbstmord, andere fragten, woher er den Gürtel hatte, mit dem er sich erhängt hatte. Ich war erschüttert. Ich glaubte nicht an Selbstmord und fühlte mich schuldig an seinem Tod.
In den Tagen danach machte man mir Platz beim Essen, nannte mich sogar Don. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Wahrscheinlich hatten sie nur vor meinen neunzig Jahren Respekt. Egal – morgen geht es raus. Morgen beginnt mein Neustart in ein Leben, das trostloser und einsamer nicht sein kann. Draußen gibt es niemanden mehr, der auf mich wartet. Und jene, die uns nur von Ferne kannten, würden den Teufel tun, einem Knastbruder näher zu kommen oder ihn gar aufzunehmen.
Gut, die Zeit hier wurde mir verkürzt. Was bedeutet schon gute Führung, wenn sie dir das nicht vorher anrechnen, bevor sie dich hier reinstecken? Nach zwei Jahren war auch unsere Mietwohnung weg. Wohin unsere Sachen gebracht wurden, muss ich noch beim Anwalt erfragen. Ebenso, wo ich verbleiben kann.
Neustart sagt sich leicht. Herta hatte diese Leichtigkeit. Ich dachte daran, mich vor die Straßenbahn zu werfen – in der Hoffnung, Herta kurz zu besuchen, bevor mich der Herrgott in die Hölle schickt. Oder im schlimmsten Fall im Spital auf freie Kost zu übernachten. Ich könnte auch einen Bankraub versuchen. Würde sicher nicht gelingen, weil nicht gewollt. Aber ein paar Jahre überbrücken – das würde reichen. Dann wäre ich fünfundneunzig. Ich denke, das war’s dann.
Verrückt, wie ich darüber nachdenke, mir die Zeit totzuschlagen, bis ich tot bin. Warum keine Abkürzung nehmen? Auch das ist Unfug. Herta hatte recht – ich soll nicht an Unfug denken. Mein Gott, hat sie all das gewusst? Ihre letzten Worte gehen mir durch den Kopf. Hat sie gewusst, was mir heute durch den Kopf gehen würde? Doch ohne sie neu anfangen – erscheint mir unmöglich.
Wenn du zu sehr liebst, lebst du mehr im anderen, den du liebst, als in dir selbst. Jetzt stehe ich da, völlig unbenützt von mir selbst. Kenne weder Kanten noch Ecken in mir. Unverbraucht seit dem Tag, als ich Herta begegnet bin. Sie kannte alle meine Fehler, blieb trotzdem bei mir. Ihr Lächeln nahm mir jeden Schmerz, jede Bedrücktheit und brachte mich sogar dazu, über meine eigene Dummheit zu lachen.
Das Hupen eines roten Polos holte mich zurück auf die Straße. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Als ich aufblickte, erkannte ich das Gebäude des Altersheims auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In Gedanken verloren war ich hierher gekommen – an den Ort, an dem meine Liebe, wenn auch auf sonderbare Weise, Adieu gesagt hatte.
Die Leiterin Grete erkannte mich. Sie fand es ganz schrecklich, wie sie sagte. Ich nickte, fragte nicht nach, ob sie das tödliche Ereignis oder meinen Gefängnisaufenthalt meinte. Sie sagte etwas über einen Neuanfang. Was sie danach sagte, hörte ich nicht mehr. Das Thema hatte ich durch.
Ich sagte ihr, ich möchte noch gern auf einen Sprung hinauf – Abschied nehmen. Sie lächelte und begleitete mich zum Lift. Ich wusste, sie hatte mich nicht verstanden. War gut so.
Ich drückte ihr den Blumenstrauß in die Hand. Die eine rote Rose behielt ich. Sie gab mir einen sanften Kuss auf die Wange. Ich umarmte sie. Sie war immer gut zu uns.
Das Zimmer war leer. Die Fenster, die bis zum Boden reichten, waren wieder gerichtet. Selbst an der Decke erkannte ich keine Bohrlöcher mehr. Saubere Arbeit – als wäre hier nichts geschehen. Grete sagte noch, sie komme in einer Stunde hinauf. Gutes Mädchen. Das würde reichen, um diesen Brief fertigzuschreiben.
Ich öffnete das Fenster. Es war ein sonniger Herbsttag. Eine frische Brise wehte von Osten herauf und hinterließ eine Kühle auf meinen Wangen. Die Luft roch nach Schnee. Herta liebte den Herbst. Sie sagte, im Herbst atme die Erde aus und trage die Frische übers Land. Perfekt. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Herta, meine Liebe, du fehlst mir so sehr.
Ich sah hinab und bekam Angst vor der Höhe. Verdammt, geht es da hinunter. Die Vorstellung, wie Herta, Julia, Berta und Horst hier hinabfielen, zerriss mir das Herz. Hoffentlich spürten sie nichts. Ich kletterte hoch und wusste sofort: Ich habe nicht die Kraft, mich hier lange festzuhalten. War gut so.
Ein Neustart ohne Liebe hat keine Bedeutung. Nichts beginnt neu, wenn es nicht von Liebe getragen wird. Und alles endet dort – wo die Liebe aufhört.
… Gretas Augen füllten sich mit Tränen. Sie riss das Fenster auf und sah hinunter. Neben dem Rettungswagen, am Gehweg liegend, erkannte sie Holger. Schluchzend sagte sie: „Ich hätte dich gern bei mir aufgenommen.“
Gedanke: „Vielleicht beginnt Liebe nicht dort, wo zwei sich finden – sondern dort, wo einer weitergeht.“
Wien, 27.08.2020
Ohne Worte sprechen...
Ich blickte verstohlen zwischen Polster und Bettdecke zum Fenster hinaus und erkannte die Botschaft des Tages: Bleib im Bett. Der Regen prasselte gegen die Scheiben der Fenster und der Balkontür, und mir wurde bewusst, welch wundervolle Erfindung Glasscheiben doch waren: Sie erlauben deinem Blick, die dich umgebende Natur aufzunehmen, und bewahren dich gleichzeitig vor ihren Attacken. Der andächtige Moment währte nicht lange, denn im nächsten Augenblick sprang die Tür auf und Mimika – Deutsches Kurzhaar, Jagdhund, Vorstehhund und manchmal auch Teufelin – betrat schwanzwedelnd das Zimmer.
Verdammt, nur nicht in ihre Augen sehen. Mehr Motivation würde sie nämlich nicht benötigen, um auf meinem Rücken zu landen. Ich wollte das wohlig warme Gefühl der letzten Nacht nicht verlieren, also grub ich mich tiefer unter die Decke. Ihr Tippeln auf dem Parkett wurde langsamer, und ich dachte nur: Na klar, du kleiner Frechdachs, jetzt weißt du nicht weiter. Auch dieser Moment der Ruhe hielt nicht lange an, denn plötzlich drängte sich eine kühle, nasse Schnauze zwischen das letzte Stück Stoff und mein Gesicht. Die Zunge, die dann vom Kinn hinauf bis zum Haaransatz meine Gesichtsmuskeln massierte – begleitet von freudigem Jaulen – ließ die warme Nacht in Vergessenheit geraten.
Nein, nicht jetzt! Aus! Nicht – böser Hund, böser Hund! Schluss jetzt – böser Hund, böser Hund! Gerade als ich dachte, ich hätte ihr endlich das richtige Kommando gegeben, spürte ich, wie sie auf meinen Rippen landete. Tja, ein Jagdhund ist ein Jagdhund ist ein Jagdhund. Mir blieb die Luft weg, während das Bellen der Hündin wie eine Feuerwehrsirene nicht abzustellen war. Ich drehte mich um, sie rutschte ab – und sprang gleich danach auf meine Brust. Die Decke zog sie mit und mir nun vollends vom Gesicht. Das bedeutete freie Bahn, was sie auch erkannte. Nein, nicht, blöder Hund! Alles sinnlose Worte an einem verregneten Morgen – gerichtet an ein Wesen, das dich mehr liebte als sich selbst.
Ich war damals fünfzehn, Mimika fünf. Der Altersunterschied machte unserer Liebe nichts aus. Andererseits: Wenn es stimmte, dass ein Hundejahr mit sieben Menschenjahren zu vergleichen ist, dann war sie mit 35 um einiges älter als ich. Sie nahm es wahrscheinlich mit Humor, und ich – ich war bereits mit zehn in ältere Mädels verliebt. Das einzig Negative an Beziehungen mit solchen Altersunterschieden: Sie war furchtbar eifersüchtig. Warum sollte es auch bei einer Hund–Mensch–Beziehung anders sein? Beim Spazierengehen, Essen oder Auf-der-Couch-Herumliegen – niemand durfte an meiner Seite weilen, abgesehen von ihr. Ich war dreizehn, als meine erste Freundin sich mit etlichen Schürf-, Kratz- und Bisswunden ihren Platz an meiner Seite erkämpfen musste. Das war für alle Beteiligten nicht leicht – und für Mimika am schlimmsten. Sie verstand nicht, warum meine Aufmerksamkeit nicht mehr ganz ihr gehörte. Wobei: Die Tatsache, dass Mimika eine Hündin war, sagt schon alles. Weiber…
In unserer sechzehnjährigen Beziehung hat sie nie ein Bellen des Vorwurfs verloren. Nie ein Knurren gegen mich eingesetzt. Hat mir jeden Fehltritt verziehen. Sogar die Nächte, die ich durchzechte und mich mit anderen Frauen vergnügte, ließ sie mir ohne Weiteres durchgehen. Jeder einzelne Morgen war wie jener verregnete Herbsttag: voller Zuneigung und einer Liebe, die jedes Mal wie ein Orkan über mich kam. Sie hat nie gesprochen, aber mit jeder Bewegung und Geste mein Herz berührt – mehr, als es Worte jemals tun können.
Als Mimika starb, war ich da. Ich hielt sie in meinen Armen, und es fühlte sich so an, als würde vor Schmerz auch mein Herz stehen bleiben. Mit ihr verstarb meine größte und unschuldigste Liebe, zu der ich jemals fähig gewesen war. Eine Liebe, die nie an Kompromisse geknüpft war, an Vereinbarungen oder Gefallen – eine bedingungslose Liebe zweier Wesen, die sich im Herzen begegnet waren.
Einige Zeit später verstand ich, dass Mimika genau aus diesem Grund in mein Leben getreten war: um mich zu dieser Liebe – ohne Worte – zu befähigen.
Wien, 10.10.2023
Rückkehr zum Ursprung … oder, anders gesagt, das Nachhausekommen...
Für manche von uns „Alten” ist es ein natürlicher Prozess, über den man nicht extra sprechen muss. Dennoch tragen viele von uns die Hoffnung, eines Tages zum Ursprung zurückzukehren.
Jenen Ort, den wir in unserer Seele festgeschrieben haben. So wie Lachse zu ihrem Ursprung zurückkehren, unterliegen auch wir Menschen demselben inneren Bedürfnis. Nach allen Reisen des Lebens sehnen wir uns nach der Quelle.
Natürlich ist es für die Jüngeren unter uns, die gerade Flügel bekommen haben und die Welt entdecken wollen und müssen, zunächst wichtig, von dort – ganz gleich, wo dieses Dort ist – wegzukommen. Wenn man ihnen als Elternteil, so schmerzhaft es auch sein mag, die Freiheit gibt, ist das Letzte, was man von ihnen hört oder liest: „Mach’s gut …”
Aber zurück zu uns Lebenserfahrenen, den Alten und denjenigen, die trotz ihres hohen Alters jung geblieben sind – zumindest im Geiste: Fragt euch selbst, was in euch geschieht nach vielen Jahren des Wanderns durchs Leben, nach dem Besteigen vieler Berge und dem Durchschreiten tiefer Täler. Was bleibt, wenn der Zenit des Lebens erreicht ist?
Was gibt es noch zu erobern, zu erkämpfen oder gar im Wettkampf zu erlangen, wenn alle Tage des Heldentums vergangen sind und man erkannt hat, dass jeglicher Kampf, jeder Wettbewerb und jede Eroberung nicht mehr wichtig sind? Wenn man erkennt, dass die Zeit für große Taten vorbei ist. Was findet man in dem Moment, in dem das Leben zu dir sagt: „Mach mal langsam …”
Viele von uns wenden sich dem Ursprung zu. Manche versuchen, sich neu aufzudrehen, trimmen sich auf jung und suchen die Gesellschaft junger Menschen, ohne zu erkennen, wie lächerlich das ist. Jede Zeit hat ihr Alter, und nichts ist schöner, als in seinem angekommen zu sein und es in vollen Zügen zu leben.
Als ich jung war, wollte ich zu den Älteren gehören. Ich suchte mir auch viele ältere Frauen für Beziehungen. Sie liebten mich und ich liebte sie, aber ich erkannte nicht, was ich dabei verlor: meine Jugend. Einen Altersausgleich mit gleichaltrigen Frauen fand ich erst mit 35. Erst da erkannte ich die damit einhergehenden Vorzüge: gleiches Denken, gleiches Fühlen, gleiche Sprache, gleiche Ziele, gleiche Freude und gleicher Humor. Und auch wenn nicht alles gleich war – zum Glück –, so war es dennoch eine wundervolle Erfahrung, die uns beide reifer werden ließ.
Den Jungen unter uns kann ich das nicht erklären, das will ich auch nicht. Den Älteren muss ich es nicht erklären, denn sie wissen es. Aber jeder von uns Gereiften hat in seinem Leben eine Vorstellung davon, was Heimkommen bedeutet oder wie es aussieht.
Abschließend möchte ich euch meine Version erzählen: Als ich jung war, sah ich, dass alle Wege überall hinführen. Ich bin sie alle gegangen. Heute erkenne ich, dass sie nirgendwohin führen. Im Laufe meines Lebens habe ich verstanden, dass alle Wege nirgendwohin führen – nur einer ist der Weg mit Herz. Und auch wenn dieser Weg nirgendwohin führt, ist er dennoch wert, ihn bis zum Ende zu gehen...
Wien 21.03.2026
Wir verbrennen unser Heute für ein Morgen, das nie Gestalt annimmt...
Wir verlieren uns in Erinnerungen, die längst Staub sind, und in Zukunftsbildern, die wir wie bunte Drachen an Fäden hinter uns herziehen. Währenddessen rinnt uns das Einzige, das wirklich existiert, durch die Finger: das Jetzt. Nicht weil es zu klein wäre, sondern weil wir verlernt haben, es zu sehen.
Der Zen-Buddhismus nennt dieses Verlorensein Anhaftung – ein Festklammern an Schatten, das uns blind macht für das Licht. Unser Gehirn, ein uraltes Werkzeug, geschmiedet aus Angst und Überleben, liebt Abkürzungen. Es sortiert aus, was nicht brennt, was nicht droht, was nicht schreit. Es spart Energie, indem es uns in die Vergangenheit schickt oder in die Zukunft – überallhin, nur nicht dorthin, wo wir wirklich sind.
So wandern wir durch die Welt wie Schlafwandler. Die Armen träumen vom Reichtum, die Reichen von noch mehr Reichtum oder von der Nähe, die ihnen auf dem Weg verloren ging. Jeder jagt etwas, das immer einen Schritt voraus ist. Die Gegenwart wird zum Durchgangszimmer, das wir hastig durchqueren, um irgendwo anders anzukommen.
Wir leben in einem Traum vom Leben, aus dem wir nicht erwachen. Vielleicht, weil das Jetzt uns zu ehrlich ist. Weil es keine glänzenden Versprechen macht. Weil es nicht funkelt wie der Wagen, den wir bald kaufen, oder das Haus, das wir irgendwann besitzen werden. Das Jetzt ist uns zu schlicht, zu leise, zu ungeschminkt.
Während unser Gehirn seine Energie in Sorgen, Pläne und Konstruktionen pumpt, verkümmern die feineren Sinne: Intuition, Empathie, Bewusstsein. Manche verlieren sie ganz – wie Pflanzen, die im Schatten nie Sonne sehen.
Wir haben nie gelernt, das Morgen in ein Heute zu verwandeln. Nie gelernt, das Gestern zu heilen, ohne es festzuhalten. Nie gelernt, die Hände zu öffnen, damit das Jetzt hineinfallen kann.
Doch alle, die es konnten – die großen Lehrer, die stillen Meister, die Menschen, die wirklich wach wurden – sprachen vom Erwachen im Augenblick. Ein Erwachen, das nichts Mystisches braucht. Es ist dasselbe Erwachen, das jeden Morgen geschieht: manchmal bitter, manchmal mit trockenem Mund, und manchmal mit einem Lächeln, das aus einer Tiefe kommt, die wir längst vergessen haben.
Wien, 01.01.2026
Das Alter …
Das Alter …
Natürlich spüren es nicht diejenigen, die Richtung 25 gehen, und auch weniger diejenigen, die Richtung 30, 40, 50 oder gar 55 gehen. Altern ist heute kein Prozess des Altwerdens, sondern vielmehr des Reifens. Wenn wir es medizinisch betrachten, so ist im Altern ein Code verankert, der das Verjüngen stärker in den Vordergrund stellt als das Dahinsiechen und Altern.
Ein kleines Beispiel: Ich bin heute mit 65 Jahren um 5:30 Uhr aufgestanden und ins Bad gegangen. Meine ersten Übungen bestanden darin, Liegestütze zu machen. Seit Jahren verfolge ich das Ziel, nie unter 20 Liegestütze zu kommen. Heute waren es 40, und ich fühlte mich jünger, stärker und kraftvoller als mit vierzig Jahren.
Natürlich geht man davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, die 90 zu erreichen, bei einer solchen Fitness recht hoch ist. Wenn man mit 70 noch 30 Liegestütze schafft, ist es ein Leichtes, die 90 zu erreichen. Gut, das ist die eine Sache – aber was ist mit dem Leben an sich? Wozu zählen die Jahre, wenn das Leben an einem vorübergeht, als gehörte es jemand anderem?
Ich habe die 60er Jahre erlebt, die erste Mondlandung und alle weiteren Jahre bis zur Jahrtausendwende, gepaart mit den Höhen und Tiefen, die das Leben sonst so bereithält. Eine alte Freundin von mir sagte immer: „Jammern hilft nichts.“ Und sie hatte recht. Ich brauchte viele Jahre, um das zu verstehen.
Heute, im Jahr 2026, gebe ich mir selbst die Hand zum Gruß und auch zum Vergnügen, weil ich die Rente erlebe und alle Vorzüge, die damit einhergehen. Der Staat sichert mir die Finanzierung meines Alters bis zu meinem Lebensende.
Allen, die noch viele Jahre bis zur Rente vor sich haben, sei gesagt: Bleibt in der Berufsausübung. Arbeitet fleißig und sorgt dafür, tatsächliche Beitragszeiten zu erreichen. Denn nur so könnt ihr eure Renten erhöhen oder sichern. Jegliche Prognose einer fondsgebundenen Absicherung oder von Sparmaßnahmen hat nichts gebracht – egal, wie intensiv man daran geglaubt oder letztendlich investiert hat. Es ist ein Irrweg. Das einzige Pensionssystem, das lebenslange Renten garantiert, ist unser Sozialsystem.
Wenn man, so wie ich, 65 wird und die eigenen Kinder einem ein Geburtstagsgeschenk machen und eine Karte dazu schreiben, in der sie das, was sie in ihrem Leben erlebt haben, aus ihrer Sicht formulieren, dann weißt du: Du hattest ein gutes Leben und wirst ein weiteres gutes Leben haben … ganz gleich, wie lange es noch dauert.
Wien, 01.02.2026
Der Tod ist die größte Lüge...
Nicht, weil er nicht geschieht, sondern weil wir ihn falsch verstehen. Wir glauben, er sei das Gegenteil des Lebens – ein Abbruch, ein Feind, ein schwarzes Loch, das alles verschlingt. Doch diese Vorstellung ist nicht mehr als ein kulturelles Echo, ein Mythos, der sich über Jahrtausende in uns festgesetzt hat.
Wenn ein Mensch stirbt – jemand, den du geliebt hast, jemand, der dich geprägt hat –, stirbt etwas in dir mit. Das ist wahr. Aber was in dir stirbt, ist nicht Leben, sondern eine Form, eine Gewohnheit, ein Bild. Der Verlust reißt ein Loch, ein Vakuum. Doch jedes Vakuum ist auch ein Raum, der neu gefüllt werden kann. Der Tod ist nicht nur Ende, sondern Transformation: ein Übergang, der uns zwingt, die Welt neu zu sehen.
Unsere Angst vor dem Tod entspringt weniger dem Tod selbst als unserer Unfähigkeit, ihn zu begreifen. Er entzieht sich der Wissenschaft, nicht weil er geheimnisvoll wäre, sondern weil er nicht objektivierbar ist. Der Tod ist kein Ding, das man messen kann, sondern ein Ereignis, das uns betrifft. Er ist ein Spiegel, der uns zwingt, uns selbst anzusehen. Und genau das fürchten wir.
Über Jahrtausende hat man uns gelehrt, der Tod sei das Gegenprinzip des Lebens. Doch das ist eine intellektuelle Vereinfachung, die uns blind macht. Leben und Tod sind keine Feinde, sondern zwei Bewegungen desselben Prozesses. Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens, sondern das Gegenteil der Geburt. Das Leben liegt dazwischen – und umfasst beide.
Wer den Tod ablehnt, lehnt die Hälfte seiner Existenz ab. Es ist, als würdest du den Tag feiern, aber die Nacht verfluchen. Als würdest du den Sommer lieben, aber den Winter hassen. Als würdest du nur einatmen wollen, aber nicht ausatmen.
Solange du den Tod nicht annimmst, bleibst du fragmentiert. Nimmst du ihn an, wirst du ganz.
Denn erst wenn du akzeptierst, dass alles vergeht, kannst du wirklich sehen, was bleibt. Erst wenn du weißt, dass du sterblich bist, beginnst du, lebendig zu werden. Die Stoiker nannten das memento mori, die Buddhisten Anatta, die Existenzialisten Freiheit durch Endlichkeit. Alle meinen dasselbe: Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, sondern die Bedingung dafür, dass es Bedeutung hat.
Der Tod, vor dem man dich so lange erschreckt hat, ist ein Gespenst, das nur Macht hat, solange du nicht hinsiehst. Sobald du das Licht anmachst, verschwindet es. Oder – um im Bild zu bleiben – du sägst die Bettbeine ab, und es gibt keinen Raum mehr für Schatten.
Im philosophischen Sinn heißt das: Sieh hin, was der Tod wirklich ist – und du wirst erkennen, was Leben bedeutet. Nicht als Flucht, nicht als Besitz, nicht als Kampf, sondern als ein fortwährender Wandel, der dich trägt, solange du bereit bist, dich ihm zu öffnen.
Wien, 10.06.2024
Wenn die Liebe stirbt, dann fehlt sie – immer nur in einem …
Die Trauer, die dann folgt, ist nicht leicht. Wenn du durch die Gassen gehst, in denen gefeiert und gesungen wird, in denen Liebe entsteht und in Augenblicken wieder vergeht, spürst du die Schwere in deinem Herzen. Du begegnest ihr nur durch Selbstaufgabe, ohne zu erahnen, ob es Wege gibt, die dich aus diesem tiefen Tal herausführen können. Jeder Versuch, sie zu finden, jeder Wunsch, die Liebe im anderen zu halten und sie nicht zu verlieren, scheitert.
Ich zähle die Schritte in der Hoffnung, etwas Neues zu finden, doch es sind Schritte des Verlustes, die nach mir schreien und meine Nacht zum Tag werden lassen. Schritte voller schmerzhafter Erinnerungen, Schritte wie Berge, die immer höher werden. Die einzige Begegnung ist die Trauer, die dich auf halbem Weg umarmt und ein Stück begleitet. Sie tut so, als wäre sie ein alter Freund, der dir Liebe vorgaukelt, dir kalte Wärme gibt, die dich nicht wärmt – aber auch nur, weil der andere fehlt …
Nun bin ich genau da, wo ich bin. Süchtig wie ein Bettler nach Liebe. Ich nähre mich noch immer mit derselben Verwirrtheit, versuche etwas sehr Flüchtiges, das nicht mehr ist, zu verstehen – und scheitere.
Wie soll ich euch das nur erklären. Wenn die Liebe stirbt, dann fehlt sie immer in einem von zweien – und der andere lebt weiter. Aber auch das ist schwer zu verstehen für den, der niemals innig geliebt hat …
Und so schreite ich weiter, kitte die Wunden und tue so, als wäre wieder alles in Ordnung, wohlwissend, dass sie nie wieder zurückkehren wird – mit ihr auch die Sonne und die Freude, die mein Leben gewärmt hatten. Merkt euch eines: Wenn sie dir einmal das Herz brechen, dann glaubst du niemandem mehr. Und wenn eine Liebe von zweien stirbt, dann sterben immer auch zwei …
Wien, 17.03.2020
Ich und meine Badewanne …
Wenn ich bade, sind wir eins. Wenn ich arbeiten gehe, sind wir entzweit. Aber sie wartet brav im Badezimmer auf mich. Wenn ich wieder die Haustür öffne, schaukelt sie schon voller Freude, mich zu sehen. Bereits im Vorzimmer höre ich, wie sie ruckelt und die Therme anheizt, um uns ein vergnügliches Badewasser vorzubereiten. Ich suche immer ihre Nähe, weil sie mir etwas gibt, das mir niemand sonst geben kann.
Meine Badewanne heißt Laura – nicht wirklich, aber ich habe ihr diesen Namen gegeben. Sie erinnert mich an eine Laura aus meiner Vergangenheit. Sie hatte auch so eine glatte Haut. Wenn wir uns aneinanderschmiegten, dann bog sich unser Rücken ganz angenehm ineinander. Eigentlich mein Rücken in ihren. Und sie war auch so angenehm warm wie Laura. Besonders, wenn wir Badeschaum verwendeten, war es, als könnte ich die Welt da draußen für immer vergessen.
Meine Badewannen-Laura sorgte dafür, dass ich mich absolut entspannen konnte. Sie verstand es, mich auf der Wasseroberfläche schweben zu lassen, als würde mein Körper in der Schwerelosigkeit den Himmel berühren. Laura erlaubte mir auch, bestimmte Kräuter ins Wasser zu streuen, die bei jedem Atemzug meine Atemwege freimachten und mir die Lungenkapazität zurückgaben, die ich seit meiner Jugend besaß.
Wenn ich stundenlang im warmen Wasser liege und träume, weiß ich nicht mehr so genau, ob ich Laura oder die Badewanne sehe. Dann träume ich von Laura, von schönen Zeiten und von zukünftigen Ereignissen, die ich mir herbeiwünsche. Meine Badewanne unterstützt mich bei diesen Imaginationen. Sie sorgt dafür, dass es mir gut geht, und jede meiner Bewegungen, sei es mit den Händen oder den Beinen, ist spielerisch mit dem Wasser verbunden.
Nur nachts, wenn ich im Bett liege, höre ich meine Badewanne, wie sie nach mir ruft – oder ist es Laura? Ich weiß es nicht mehr so genau. Laura, die ich sehr liebte, hörte vor fünf Jahren auf zu atmen. Zu der Zeit schlief ich im Bett und hörte sie nicht. Ich weiß auch nicht, ob sie meinen Namen rief oder überhaupt etwas von sich gab. Die Ärzte meinten, dass sie Wasser in die Lunge bekommen hat. Nicht viel, sagten sie. Es reicht eine Menge von einem Stamperl, wie man bei uns in Wien sagt, damit der Erstickungstod eintritt. Mit so wenig Wasser in der Lunge erstickt oder ertrinkt man – und es gibt keine Rettung.
Ich hörte damals nichts, weder als sie ins Bad ging, noch als alles andere geschah. Sie machte es sich in der Badewanne bequem, gab andere Kräuter hinein als ich und nannte sie Lehrerpflanzen, ich nicht. Ich tauschte die Badewanne danach nicht aus. Sie hatte sich mit meiner Laura verbunden und gab mir auf sonderbare Weise ihre Essenz zurück. Deshalb freue ich mich jeden Tag aufs Neue, wieder in diese Badewanne zu steigen – in der Hoffnung, ihre Wärme auf meiner Haut zu spüren, ihre glatte Haut an meine zu fühlen und zu schweben …
Ich, meine Badewanne und Laura …
Wien, 17.04.2021
Liebe mich...
Liebe mich, selbst wenn du weißt, dass diese Welt zu Ende geht. Wenn die Dunkelheit einbricht und es keine Hoffnung mehr auf Licht gibt. Liebe mich, auch wenn du weißt, dass es das Letzte sein wird, das du dieser Welt in einem letzten Akt verschenkst – und damit auch dich selbst. Liebe mich, ohne zu wissen, was der Morgen bringt. Liebe mich, ganz gleich, welcher politische Führer dir alles verspricht. Denn das, was bleibt, selbst wenn es uns morgen nicht mehr gibt, ist die Liebe. Sie ist wie ein Feuer, wie eine Stafette, die von einem zum anderen gereicht wird und die Zeit überdauert.
Schau in den Himmel. Er hat bereits so viel versprochen und so wenig gehalten. Blick in den See oder den Fluss mit seinen tiefen Wassern. Was du dort siehst, ist weder Hoffnung noch Grauen, sondern die gleiche Angst, die dich befällt, wenn du erkennst, dass das Ende naht.
Liebe mich, so wie du noch nie geliebt hast. Schütte dich aus in einem Moment ewiger Gefühle und lass dein Schweigen meine Stille berühren – so, als könnte ich dich nur durch diese verstehen. Liebe mich und vergiss die Welt um dich, denn sie war dir nie so nah wie ich. Spüre mich mit jedem Atemzug, der mich zum Erzittern bringt; mit jedem Kuss, der deine Lippen zum Brennen bringt; mit jeder Berührung, die sich in uns vereint und den ewigen Fluss der Verbundenheit heilt.
Eines Tages werde ich nicht mehr sein, du wirst nicht mehr sein, aber der Fluss, der uns verbunden hat, wird weiterfließen. Er wird ewig sein. Und eines Tages, unerwartet und unschuldig wie ein Atemhauch, werden wir uns wieder begegnen – du in dir, ich in mir.
Guten Morgen, meine Liebe. Berühre mich, spüre mich, höre mich und folge deiner inneren Empfindung. Sie sagt dir, dass die Liebe diese Welt nicht mehr heilen kann, aber sie kann dich und mich heilen. Deshalb liebe mich noch ein letztes Mal.
Wien, am 10.11.2025
Die Wächter, der Anderswelt…
Ich erzähle eine Geschichte, wie sie wahrer nicht sein könnte. Es war im Herbst 1994. Ich war in Hannover und hatte meine zweite Mikrofiltertechnik zur Reduzierung des Sondermülls Altöl erfunden und europaweit patentieren lassen. Ich war damals jung und wirtschaftlich unerfahren und hatte einen erfahrenen Mann an meiner Seite: Herrn Blomeier aus Lauenau. Er war 80 Jahre alt, pensionierter Leiter der Hydraulik bei MAN und suchte noch eine Beschäftigung, die er bei mir fand.
Er war eine unheimliche Bereicherung in meinem Wirtschaftsleben; niemand hatte das Wissen und die Erfahrung, die er besaß. Das war damals mein Glück. Unsere Beziehung ging weit über das Geschäftliche hinaus. Ich habe ihn geliebt wie meinen eigenen Vater. Und er sah in mir etwas wie seine Jugend, die er wiedergefunden hatte.
Eines Tages rief mich seine Frau an und sagte, er habe einen Herzinfarkt gehabt und sei gestorben. Als Schamane wollte ich nicht, dass er geht. Ich zelebrierte eine Zeremonie in meinem Haus in Hannover und überschritt die Grenze zur Anderswelt in einem Kraftakt. Ich wollte seiner Seele nachjagen und sie ins Leben zurückholen. Ich wollte ihn nicht gehen lassen; wir konnten uns nicht verabschieden.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit damals vergangen war, aber ich kam an die Grenzen unserer Existenz. Und was ich dort vorfand, war ein Sturm, ein eisiger Wind, der so tobte, dass er unsere Seelen erfrieren ließ. Dort sah ich den Wächter. Eine Erscheinung, die ich nur am Rande meiner Wahrnehmung erkannte, die jeden prüfte und entschied, wer das Tor zur Ewigkeit durchschreiten durfte und wer nicht. Ich erkannte Blomeier unter den vielen Geschöpfen und packte ihn.
Im gleichen Augenblick packte mich der Wächter am Arm und zog mich zu sich. In diesem Moment wusste ich, dass entweder Blomeier oder ich durch dieses Portal gehen würden – für immer. Aber da war keine Angst in mir, kein Zweifel. Da war nichts – nur Handlung, bestimmt von meiner Absicht. Ich drehte mich um, zog Blomeier hinter mir her und sagte ihm, dass ich ihn noch brauche, dass sein Leben noch einen Wert hat, größer als er, größer als ich.
Der Wächter ließ mich los. Wir flogen buchstäblich zurück, an Orte, die ich kannte, die mir vertraut vorkamen, bis wir über den Hügeln von Lauenau und seinen Wäldern meinen Steinkreis in meinem Haus erreichten. Dann ließ ich Blomeier los. Er lebte noch zwei Jahre und starb an einem weiteren Herzinfarkt. In diesen zwei Jahren hatten wir viel Zeit zu reden und Abschied zu nehmen.
Viele Jahre später wurde mir bewusst, was ich getan hatte: eine verstorbene Seele aus dem Totenreich zurückzuholen. Eine Technik, die mir mein Meister Gunar damals beigebracht hatte. Aber das wirklich Entscheidende war dieser Wächter, an dem man zuerst vorbeimusste. Er bewachte das Tor, das es uns Seelen ermöglicht, den Übergang zu schaffen – das heißt, im Universum weiterzureisen und nicht mehr hier wiedergeboren zu werden …
Wien, am 20.05.2025
Menschlichkeit...
In jungen Jahren fragte ich mich, ob Menschlichkeit allein genügt. Ich hatte viel vor, kaum Zeit, wollte die Welt ergründen und erobern. Heute, nach einem langen und guten Leben, stellte ich mir nochmals diese Frage. Meine Antwort darauf: – Menschlichkeit ist die einzige adäquate Antwort auf viele Fragen des Lebens – und ja, absolut die Einzige, denn ohne diese, wäre nichts in meinem Leben erreichbar gewesen…
Wien am 19.08.2023
Etwas, über die Liebe…
Zurück zur Liebe. Was ist Liebe? Wie schreibt man Liebe. Kann man dieses Wort noch beschreiben und dabei die Hoffnung in einem Satz weglassen, dich wiederzusehen, dich zu berühren oder mit einem Kuss, der unsere beiden Lippen verbrennen lässt, uns nie enden wollend in die Ewigkeit trägt. Ist es Liebe, wenn eine Berührung uns erzittern lässt. Ist es Liebe, wenn wir kaum einen Augenblick ohne den anderen sein können. Oder ist es Liebe, die uns dermaßen den Atem nimmt, wenn wir uns sehen, wenn wir lächeln, wenn wir uns umarmen, wenn unsere Körper sich berühren oder einfach so – nichts tun zu müssen, um Freude zu empfinden.
Ist es Liebe, wenn wir diese Wärme spüren, die unseren gesamten Körper einnimmt, ihn wie ein Elixier zum Leben erweckt und für die Ewigkeit in uns bewahrt. Ist es Liebe, wenn in der Begegnung unsere Jugend wie eine Quelle aus uns entspringt, als hätte sie auf diesen Augenblick schon immer gewartet. Ist es Liebe, wenn wir tief in uns empfinden, nie wegen unserer Schönheit begehrt worden zu sein. Ist es Liebe, wenn Vertrauen und Verbundenheit uns alle Kriege überleben, alle Höllen durchschreiten lassen und nur der Augenblick unserer Wiederumarmung uns alle Hürden des Lebens überwinden und ertragen lässt.
Ist es Liebe, wenn man so sehr liebt, dass man mehr im anderen lebt als in sich selbst. Und wenn wir schon dabei sind: Endet Liebe bei den Menschen? Und falls ja, wie erklären wir uns unsere Empfindungen gegenüber Tieren, Pflanzen, Dingen, Städten und Ländern oder gar dem Meer. Liebe ist universell und kennt keine Grenzen. Diese umfassende Liebe, die um uns ist, die in uns ist, die uns und alles, was um uns herum ist, durchströmt – die uns mit allem verbindet – ist die einzige und von Zeit unabhängige Kraft. Wer daran nicht glaubt, wird sich schwertun, seine Empfindungen für Menschen zu erklären, die schon lange verstorben sind. Die Liebe zu diesen Menschen ist noch immer in uns und sehr präsent. Das bedeutet: Sie berührt uns, sie verbindet uns mit ihnen in fernen Welten, Existenzen und Dimensionen – frei von Zeit und Raum …
Und Liebe ist keine Sache, die man einfach abgibt wie ein Möbelstück, das man nicht mehr braucht. Kein Wort der Welt wurde jemals so leicht ausgesprochen, so leicht verurteilt und entstellt, so leicht vergessen und so leicht verraten. Und dennoch ist die Liebe die einzige Kraft, die diese Welt retten, die Menschen vereinen, die Nationen und Kulturen heilen kann. Liebe – ganz gleich, wie geschrieben, ganz gleich, wie ausgesprochen – sie ist es immer wert, erlangt zu werden. Für immer …
Wien, am 17.04.2023
Tanzen...
Der Tanz – ist die einzige körperliche Beherrschung, die dir, in keinem Augenblick, gestattet, die Bewegung, ohne Leidenschaft auszuführen… Somit ist Tanzen - dem Leben geschuldet…
Wien am 28.10.2022
Familie
Für die einen ein Segen, für die anderen die Hölle! Die einen, die nie eine hatten sehnen sich innig nach ihrer Nähe. Andere wiederum, die eine hatten aber durch diese nur Schmerzen erfahren mussten – wünschen sie zum Teufel. Nähe beinhaltet Freude und Schmerz. Manchmal erwächst genau das eine aus dem anderen und hinterlässt Spuren in uns, die uns zum einen Hoffnung geben und zum anderen jeglichen Anspruch auf Hoffnung, verblassen lassen.
Der alte Spruch „Freunde kannst du dir aussuchen, Familie nicht.“ muss in dieser Zeit, in der wir heute leben neu überdacht werden. Und wenn er dennoch Bestand haben sollte, so verweist er auf eine Tatsache hin, die man nicht gleich erkennt. Aussuchen bedeutet - man hat eine Wahl. Aber wie gesagt, in beiden Fällen- schmerzt diese Wahl oder berührt unser Herz…
Wien 17.03.2022
Wellen des Herzens...
Wellen des Herzens, sie breiten sich wie das Magnetfeld unseres Körpers in allen Richtungen aus. Erreichen dabei feinstofflich, die letzten Ecken dieses Planeten. Wellen, die wir mit unseren Handlungen erzeugen, sind wie Fangnetze - die, die Erntezeit einläuten...
Michel Wien, 19.02.2022
Mysterien
Unsere Suche nach Antworten, der Mysterien dieser Welt – scheitert wie so oft, nur an den Fragen…
Wien 01.02.2020
Über Schriftsteller...
Wenn wir dem Schreiben, in unserem Leben, einen intensiveren Raum geben – entfernen wir uns nicht dabei vom diesem, weil wir etwas in uns berühren, was ähnliche Schatten wirft und gleichfalls dabei Gefahr laufen, das Leben selbst, welches außerhalb unserer Fantasien existiert – zu verlieren? Wie oft haben wir die eine Wirklichkeit aufgegeben und gegen die andere getauscht, um am Ende sagen zu können – das war es wert…
Wien 13.01.2020
Wandel unserer Zeit...
Wir leben in einer Zeit, wo alte Muster und Systeme aufbrechen, als würden sie nicht hierher passen. Demokratie, hat nie eine Entwicklung durchgemacht – sie wurde als politisches Prinzip installiert. Alles nicht Wandlungsfähige verliert sich in der Zeit, so auch dieses wird verschwinden, wenn keine Erneuerung stattfindet.
Die Wandlung lässt noch keine klaren Muster erkennen, wohin die Reise geht. Aber eins ist sicher, die Demokratie hat ausgedient. Wenn Systeme sich verändern, findet meist auch ein Zerfall der Gesellschaft statt. Gefolgt vom Chaos und Anarchie. Diese Wandlung kann auch sehr schnell erfolgen, dazu bedarf es nur wieder eines charismatischen Führers. Nur der steht derzeit nicht zur Verfügung, deshalb ist die gegenständliche Wandlung wie ein Brotteig, der über die Tischkannten drängt. Was sich aus diesem formen wird, kriegen wir im wahrsten Worte, nicht gebacken. 😊 Aber wie nach jedem Chaos, werden wir am Boden und im Staub sitzend uns überlegen – wie wir weitermachen werden.
Ich habe Vertrauen in die Dummheit der Menschen – sie werden sich sicherlich neue Geißelungssysteme einfallen lassen - und das Beste daran, wie immer – zum Wohle der Menschheit…
Wien am 03.10.2019
Wir lächeln…
Unsere Lippen – für Freude erschaffen, um Freude bemüht. Aufgesetzt, als müssten sie ein Geheimnis hüten. So, als könnten sie das Tor der Hölle, die die Brust zerreißt, amüsant verschließen. Du fragtest, was los ist, doch deine Miene, die darauf eine Antwort hätte, beantwortet nichts. Ich kontere mit einer Lüge. Warum nicht, wenn sie uns in diesem Augenblick so guttut. Lügen befreien – wenn auch nur für einen Wimpernschlag. So wie dein Lächeln.
Wir bedecken den Tag mit Lächeln, verschlucken unsere Sorgen. Einer Ohnmacht gleich, erkennen wir nicht, dass niemand auf dieses Lächeln wartet. Dennoch lächeln wir, weil es anders nicht geht. Zum Glauben erzogen, dass alles andere die anderen nichts angeht. Wir lächeln mit Lügen, meinen, keiner bemerke es. Ohne zu erkennen, dass wir uns dabei nur selbst anlächeln. Lächeln berührt, sagt man – was ist es, wenn nicht. Nicht nur Lügen, selbst das Lächeln muss gelernt werden. Am besten, du fängst gleich damit an und stellst dich vor den Spiegel.
Deine Authentizität fördert ein Lächeln, sanfte, frohlockende Biegungen der Haut um deinen Mund. Begnadet zum Erhabenen und doch leidvoll ausgetrickst von einem Gesicht, das nicht spricht. Wir lächeln, wenn man uns auf die eine Backe schlägt. Wir lächeln, selbst wenn man uns dabei fast zu Tode zerdrückt. Wir lächeln, weil der Schmerz niemanden etwas angeht – und wir lächeln, um zu zeigen, wie stark wir sind, auch wenn wir dabei zerbrechen.
Die Welt da draußen ist voll von Lächeln. Dazu braucht man nicht extra nach Asien zu reisen. An jeder Hausecke begegnen dir fünf weitere. Aus jeder Zeitschrift, jedem Bildschirm und Smartphone entlockt es uns den Wunsch, es gleichzutun. Zu fühlen, zu spüren – und formt gleichzeitig die Falschheit jenes Ausdrucks, der uns entzweit. So, als würde die Welt da draußen nur ein einziges Spiegelbild einfordern: jenes unserer Innenwelt. Aber auch das, wie wir wissen, ist nur eine Lüge, die uns guttut.
Nun – wie wundervoll, dass mein Lächeln und dein Lächeln die Welt erstarren lässt und dabei die Stille gebiert …
Wien, am 23.09.2019
Freier Geist
Bei den Urvölkern Europas galt der Vogel, weil er in den Lüften lebte, als Geist- und Spirit-Bringer. Die Luft wurde dem Mentalbereich zugeordnet da sie so wie unser Geist empfänglich und flüchtig ist. Wenn der Geist frei bleibt, dann kann er sich entfalten und wachsen und seine Grenzen kennt nur noch der unendliche Raum in dem er sich ergießt. Der offene Vogelkäfig symbolisiert für mich diese geistige Freiheit.
Niemals klang Freiheit süßer als aus dem Munde jener, die sie einst in Liedern besungen haben. Jedoch die Sklaverei hat nie aufgehört zu existieren. Sie hat sich nur gewandelt, so wie ihre Lieder die noch immer unser Herz berühren. Die körperliche Sklaverei haben wir noch bitter wahrgenommen, auf die geistige Sklaverei dagegen singen wir heute Loblieder und sogar auf die Sklavenhalter selbst.
In diesem Sinne, ... lasst den Käfig offen!
- Michel Skala -
Wien 18.10.2013
Imagination
Mit seiner Vorstellungskraft schuf das Wesen Mensch eine Welt auf diesem Planeten, die es ihm ermöglichte zu überleben. Alle seine Imaginationen manifestierten sich in unsere Götter, Zivilisationen und Kulturen, Wissenschaft und Technik, Musik und Kunst und letztendlich auch in seinem magischen Wirken auf diese Welt.
Um geistige Freiheit zu erlangen und diese auch dauerhaft zu bewahren, perfektionierte dieses Wesen seine Grundfähigkeit willentlich Bilder im Kopf zu erschaffen. Diese geistige Evolution stagnierte in dem Augenblick, als wir zuließen, dass uns fremde Bilder im Kopf projiziert wurden. Fremde Bilder besitzen zwar eine bewegende Kraft in uns, nur ihr Wirken lässt unsere eigene Vorstellungskraft verkümmern.
Dabei ist die Imagination auch jene Kraft in uns, die dafür Sorge trägt, dass unsere bildlichen Vorstellungen den Weg zur Wirklichkeit finden. Wenn eines Tages unsere letzte Stunde auf diesen Planeten naht, dann ist sie es auch, die uns dem Tode entreißt und auf ein anderes Lichtband der Existenz trägt.
Imagination ist der magische und alles transformierende Teil unserer Existenz. Wenn wir diese Gabe verlieren, verliert unsere Spezies seine Freiheit auf diesen Planeten.
Sowie auch die letzte Freiheit …über den Tod zu bestimmen.
- MIchel Skala -
Wien 08.09.2013
